Das Altarbild

Das Altarbild in unserer Seeshaupter Kirche wurde 1942 von Professor Max Hoene (München) geschaffen, nachdem das ursprüngliche des 1935 erbauten Gotteshauses der Gemeinde nicht gefallen hat. Aber auch den Entwurf von Professor Hoene hielt die Kirchenleitung zunächst nicht für geeignet. Ihrer Meinung nach sollte der Haupt- und Mittelteil des Altarbildes eine Kreuzigungsdarstellung sein und nicht irgendeine Geschichte aus der Passion Jesu, wie es der Gebetskampf Jesu im Garten Gethsemane ist. Professor Hoene erwiderte, ,,er halte die Zeit (1941!) durchaus dafür angetan, dass man einer Gemeinde ,,mittelpunktmäßig" sagt: ,,Schlaft nicht, während der Heiland seiner eigenen Seele das Opfer für eure Erlösung abringt".
Ich meine, dass gerade diese Szene Jesu uns so menschlich nahe schildert. ,,Er fing an zu zittern und zu zagen": Diese Geschichte macht deutlich, wie sehr Jesus die tiefsten Tiefen menschlicher Not und Angst durchlitten hat. Aber er verschließt sich nicht in sich selbst; er wendet sich an seinen Gott in inbrünstigem Gebet. Und er sucht die Nähe lieber Menschen. ,,Meine Seele ist betrübt bis an den Tod, bleibt hier und wacht mit mir". Aber die Jünger schlafen. Petrus hat auf dem Bild schon das Messer in der Hand, mit dem er bei der Gefangennahme dem Knecht der Tempelwache das Ohr abhauen wird. Aber Jesus will nicht auf diese Weise geschützt werden, er verabscheut Gewalt. Er hätte jetzt eher die wache Nähe des Petrus gebraucht, sein Gebet, sein Mitfühlen, ein Zeichen, dass Jesus in dieser dunklen Stunde nicht allein und verlassen ist.


Es ist schlimm, wenn Menschen schlafen oder wegschauen, wenn Unrecht geschieht oder es einfach nicht spüren, wenn es einem anderen schlecht geht und er ihre Nähe und Anteilnahme bräuchte. Wieviele leben aneinander vorbei und sind unsensibeI gegenüber Signalen und Hilferufen, die der Partner, die Partnerin oder ein Kind aussendet. Petrus, Jakobus und Johannes, die auf dem Bild dargestellt sind, gelten als besonders enge Vertraute Jesu.


Darum muß es ihn sehr geschmerzt haben, dass auch sie ihn allein ließen in seiner Not. Aber sie haben aus ihrem Versagen gelernt. Nach der Verleugnung des Petrus heißt es von ihm: ,,Er ging hinaus und weinte bitterlich." Er erlebt nach Ostern, dass Jesus ihm vergibt und ihn wieder brauchen kann: ,,Weide meine Herde". Petrus wurde der führende Mann der Gemeinde, der sich unerschrocken zu Jesus bekannte und sein Zeugnis für ihn mit dem Leben bezahlte. Und Jakobus war der erste aus dem Jüngerkreis, der wegen seines Bekenntnisses zum auferstandenen Jesus getötet wurde. (Apg. 12,1)


Nach der Überlieferung soll nur Johannes unter dem Kreuz gestanden sein.


Auf dem Altarbild ist das Gebet Jesu dargestellt: ,,Vater, ist's möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber, doch nicht wie ich will, sondern wie du willst. (Matthäus 26, 31)


Der Kelch des Leids wird Jesus nicht erspart - um der Schwachheit, Sünde undTodesverfallenheit der Menschen willen. Er wird durch sein Leiden zum Erlöser. Der im Garten Gethsemane betende und am Kreuz in letzter Verlassenheit schreiende Jesus ist unsere Hoffnung und unser Halt auch in der Tiefe des Leids und der Trauer.

Die Hände Gottes, die auf dem Bild den Kelch halten und in die Jesus sich am Kreuz fallen lässt,
(,,Ich befehle meinen Geist in deine Hände"), reißen ihn auch aus dem Abgrund des Todes heraus. Seitdem haben auch wir die Hoffnung, dass Leid und Tod nicht endgültig triumphieren dürfen, sondern dass Gottes Hände auch uns auffangen und unser Leben zur Vollendung führen.

Gerhard Orth